Der unbekannte Tichy: Propagandist der Nazis

Unter den international bekannten Himalaya-Bergsteigern und Schriftstellern hat – neben Heinrich Harrer aus Kärnten – der Wiener Dr. Herbert Tichy äußerst geschickt seine nationalsozialistische Vergangenheit verschleiert. Im Zweiten Weltkrieg berichtete der Journalist – ein gelernter Geologe – für Zeitungen und Magazine in Deutschland aus Ostasien. Fast 700 Artikel wurden in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, der „Berliner Volkszeitung“ und der auch bei Rechten und Nationalkonservativen im Ausland beliebten wie elitären Wochenzeitung „Das Reich“ publiziert. In dieser schrieb Joseph Goebbels die Editorials.

Von Gerald Lehner

„Auf Grund der nun bekannten Faktenlage jedoch
muss Tichy nicht nur
als opportunistischer Mitläufer des NS-Regimes,
anhand seiner Artikel vielmehr
als publizistischer Asien-Vertreter
des NS-Systems bezeichnet werden.“

(Dr. Rainer Amstädter, Zeitgeschichtler, Alpinhistoriker und Extrembergsteiger)

Dr. Herbert Tichy präsentierte sich nach dem Krieg in spießigen Zeiten als cooler Berg-Hippie, erfolgreicher wie bescheidener 8.000er-Erstbesteiger, sympathischer Entdecker, spirituell angehauchte Stimme der Völkerverständigung und Bestseller-Autor. Kaum jemand weiß: Zuvor hatte der charismatische Wiener jahrelang geopolitisch brisante Propaganda aus den besetzten Teilen Chinas nach Deutschland geliefert – ganz auf Linie mit den japanischen Eroberern Ostasiens, den Freunden Hitlers. Einer breiten Öffentlichkeit war bis vor kurzem nicht bekannt: In einer Studie der Universität Wien wurden schon 2009 Tichys Reportagen und Analysen aus – dem damals von japanischen Faschisten unterjochten – China analysiert. Auch ihre Funktion für das Treiben der mit Japan verbündeten Nationalsozialisten wurde dabei herausgearbeitet. Die Ergebnisse dürften Tichy-, Nepal- und Tibet-Fans, die es im ganzen deutschsprachigen Raum gibt, verunsichern oder schockieren. Sie kennen ihren Helden nur weißgewaschen.

Antisemit

“Im Nachlass finden sich auch Briefe, die den Antisemitismus von Herbert Tichy dokumentieren. So macht er beispielsweise für den Weltkrieg und die Krisen Asiens das Judentum verantwortlich.” Das sagt der Historiker Hannes Stanik und betont, dieses Material habe er zwar gesichtet, für seine bisherigen Studien über Tichys Rolle als Reporter von nationalsozialistischen Medien in Asien aber noch nicht verwendet: “Er stammte aus einer deutschnationalen Familie in Wien, und auch das Umfeld stimmt ideologisch mit dem überein, was er für die Nationalsozialisten aus Asien berichtete. Er wurde vom Apparat der NSDAP auch auf politische Verlässlichkeit geprüft, wie alle Korrespondenten solcher Medien und Vertreter des Regimes im Ausland.” Tichys politische Rolle birgt also noch viel Forschungspotenzial, abseits der bisher üblichen Glaubenslehren, des Personenkultues, der alpinistischen Brauchtumspflege und der Heiligenverehrung, bei der eine ausschließlich positiv “faszinierende” Persönlichkeit propagiert wird. Möglicher Buchtitel für ein Werk der Zukunft: “Buddha stolpert. Licht- und Schattenseiten eines österreichischen Nationalhelden.” Bild: Archiv Wolfgang Friedl.

“Im Nachlass finden sich auch Publikationen Tichys aus dieser Zeit, die seinen Antisemitismus dokumentieren. So macht er beispielsweise für den Weltkrieg und die Krisen Asiens das Judentum verantwortlich.” Das sagt der Historiker Hannes Stanik und betont, dieses Material habe er zwar gesichtet, für seine bisherigen Studien über Tichys Rolle als Reporter von nationalsozialistischen Medien in Asien aber noch nicht verwendet: “Er stammte aus einer Familie in Wien, die den „Anschluss“ Österreichs an Deutschland befürwortete. Und auch das Umfeld stimmt ideologisch mit dem überein, was er für die Nationalsozialisten aus Asien berichtete. Er wurde von der NSDAP auch auf politische Verlässlichkeit geprüft, wie alle Korrespondenten solcher Medien und Vertreter des Regimes im Ausland.” Tichys politische Rolle birgt also noch viel Forschungspotenzial, abseits der bisher üblichen Glaubenslehren, des Personenkultues, der alpinistischen Brauchtumspflege und der Heiligenverehrung, bei der eine ausschließlich positiv “faszinierende” Persönlichkeit propagiert wird. Möglicher Buchtitel für ein Werk der Zukunft: “Buddha stolpert. Licht- und Schattenseiten eines österreichischen Nationalhelden.” Bild: Archiv Wolfgang Friedl.

Überraschend, hart und fast unglaublich ist für viele die Tatsache, dass der Wiener Herbert Tichy schon seit 1932 Mitglied der (bis 1938 in Österreich illegalen) NSDAP war und später – nach dem „Anschluss“ Österreichs – gegenüber Berliner Parteibehörden selbst auf dieser frühen Mitgliedschaft bestand. Das passt nicht zum Image des Kosmopoliten, Menschenfreundes und poetischen Reiseschriftstellers, das sich Tichy nach Kriegsende zugelegt hatte. Auch bei der von ihm geleiteten Erstbesteigung des 8.150 Meter hohen Cho Oyu zwischen Nepal und China (1954) oder bei der abenteuerlichen Durchquerung des – zuvor von „Weißen“ noch nie erforschten – Westteils des alten Königreichs Nepals (1953).